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Dauerbrenner Brexit: So kann sich die Wirtschaft vorbereiten!

München (11.07.2018) - Die Uhr tickt. Großbritannien und Europa haben nur noch neun Monate Zeit, um sich auf ‎ein ‎Austrittsabkommen für den Brexit zu einigen. Nach wie vor laufen Verhandlungen zwischen ‎der ‎EU-Kommission und dem britischen Brexit-Team.

Viele zentrale Fragen sind aber nach wie ‎vor ‎ungeklärt, die Nervosität in der Wirtschaft wächst. Auch das Treffen der Staats- und Regie‎‎rungschefs am 29.06.2018 in Brüssel brachte wenig neue Erkenntnisse. Der Europäische Rat rät ‎allen Institutionen und Beteiligten, sich auf allen Ebenen für alle denkbaren Ergeb‎nisse zu rüsten. ‎Um einen Rahmen für künftige Beziehungen verfassen zu können, müsse das ‎Vereinigte ‎Königreich zunächst realistische und vor allem durchführbare Vorschläge vorlegen. ‎Es müssten ‎nun verstärkte Anstrengungen unternommen werden, „damit das Austrittsabkommen ‎einschließlich seiner Übergangsbestimmungen so rasch wie möglich geschlossen und am ‎Tag ‎des Austritts wirksam werden kann“, heißt es in einer Erklärung des Europäischen Rates. Ob die ‎nun vorgestellten Vorschläge der britischen Regierung zu einer Freihandelszone mit der EU ‎umsetzbar sind, wird die EU-Kommission eingehend prüfen. ‎

‎Die Wirtschaft wird leiden - egal wie das Ausstiegsszenario verläuft

Airbus und BMW überlegen bereits, Teile der Produktion aus Großbritannien nach Europa ‎zu ‎verlagern, sollte es einen ungeregelten Austritt ohne Fortsetzung der Zollunion und ‎Vereinbarungen für einen Übergangszeitraum geben. Auch Jaguar kündigte ähnliche ‎Überlegungen bereits an. ‎

Die Frage, wie sich Unternehmen auf den BREXIT vorbereiten können, war auch zentrales Thema ‎auf der BIHK-Veranstaltung „Next ‎Stop Brexit“, die am 19.06.2018 in der Brüsseler ‎Vertretung des ‎Freistaates Bayern gemeinsam mit der Wirtschaftskammer Österreich ‎veranstaltet wurde. Für die ‎Aktualität bürgte etwa der Panelteilnehmer Stefaan de Rynck, der ‎zum Team von Michel Barnier, ‎Chef-Verhandler der EU in den Brexit-Gesprächen, gehört. Mar‎kus Ferber, stellvertretender ‎Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses des Europaparlaments ‎ist einer der politischen ‎Experten, die um die negativen wirtschaftlichen Folgen des Brexit wissen. Nicht minder ‎spannend: Isabella Lindner von der Österreichischen Nationalbank und BMW-‎Brexit-Fachmann ‎Maurus Unsoeld, die anschaulich darstellten, wie die laufenden Brexit-‎Verhandlungen in der ‎Wirtschaft aufgenommen werden.‎ Zwei Panelgespräche informierten die Teilnehmer über die politische und wirtschaftliche ‎Perspektive der laufenden Brexit-Verhandlungen. Nach Einschätzung aller Referenten ist die ‎Hoffnung, die Briten würden auf den Brexit doch noch verzichten, ebenso verfehlt wie die ‎politischen Versprechen eines EU-Ausstiegs, der der Wirtschaft nicht wehtut.

Der Rat aller ‎Experten: ‎Unternehmen sollten sich auf den schlechtesten Fall vorbereiten. Dann sind sie im ‎Falle eines ‎besseren Ausgangsergebnisses in jedem Fall gut vorbereitet. Es werde jeden Tag ‎wahrscheinlicher, dass die Briten aus der EU aussteigen, ohne „einen Deal“ ausgehandelt zu ‎haben. Grund ‎ist die Planlosigkeit der britischen Regierung, die bislang nur deutlich machte, was ‎sie alles ‎nicht will – eine EU-Mitgliedschaft, eine Zollunion oder eine EFTA-/EWR-Mitgliedschaft ‎‎(d.h. ein ‎Verbleib im Europäischen Wirtschaftsraum, wie z.B. im Falle Norwegens). Norwegen ‎bezahlt ‎dafür einen Kohäsionsbeitrag, Geld, das sich die Briten sparen wollen. Folglich weiß ‎derzeit ‎niemand, was Ende März 2019 nach dem Brexit wirklich passiert. Nachdem sich die ‎Briten ‎bislang jeder wirklichen wirtschaftlichen und juristischen Integration verweigern, bleiben ‎faktisch ‎nur die Alternativen Freihandelsabkommen und ein ungeordneter EU-Austritt, nach ‎dem ‎lediglich WTO-Regeln in Kraft treten würden und die EU von heute auf morgen zum euro-‎päischen Nachbarn ein Verhältnis wie zu einem x-beliebigen Drittland in der Welt hätte.‎

Es herrscht völlige Unsicherheit

Michael Gotschlich, Außenwirtschaftsexperte des bayerischen Wirtschaftsministeriums, ‎machte ‎deutlich, dass die Wirtschaftskammern hier die wichtige Aufgabe erfüllten, ihre Mitglieder ‎laufend über Stand und Folgen der Brexit-Gespräche zu informieren. Karl Martin Fischer, für ‎Außenwirtschaftsrecht bei Germany Trade & Invest zuständig, erklärte, die in Großbritannien ‎aktiven europäischen Unternehmen müssten noch bis mindestens Oktober 2018 mit dem ‎leben, ‎was sie am meisten hassen: völlige Unsicherheit. Und das wenige, was als sicher gilt, ‎macht ‎die Wirtschaft auch nicht glücklich: Der Brexit wird Unternehmen beider Seiten härter ‎treffen als ‎sich das Öffentlichkeit und ein Großteil der Politik heute vorstellen können. Mit ‎Extrakosten für ‎Zölle und Verwaltungsaufwand, Störungen des freien Warenverkehrs, juristischen ‎Problem bei ‎Neuverträgen sowie Einschränkungen der Personenfreizügigkeit ist zu rechnen. ‎Nach ‎Einschätzung des BMW-Vertreters Unsoeld wird Großbritannien bei einem harten Brexit ‎an ‎Attraktivität für Unternehmen verlieren, die in Europa Geschäfte machen wollen. Er hält ‎massive ‎Verspätungen im Warenverkehr und Produktionsausfälle für sehr wahrscheinlich, sollte ‎es zum ‎Worst Case Szenario eines ungeordneten Austritts Großbritanniens aus der EU kommen. ‎

Der Brexit verschärft den Fachkräftemangel

Künftige Probleme bei der Mitarbeiterentsendung oder bei der Vergabe von Arbeitsvisa ‎könnten ‎den Sinkflug der britischen Wirtschaft beschleunigen. Für die wenigen ‎industriellen ‎Produktionsbetriebe auf der Insel gibt es kaum geeignete Fachkräfte. In ‎Großbritannien gibt es ‎kein duales Ausbildungssystem, die Talente arbeiten vorzugsweise in der ‎Finanzbranche. Aber ‎auch hier steht ein dramatischer Umbruch bevor. Bislang lief das EU-‎Wertpapiergeschäft ‎größtenteils über London. Die Verlagerung von Banken und Versicherungen ‎auf den Kontinent ‎ist derzeit schon voll im Gange. Frankfurt gehört bislang zu den Gewinnern. In ‎der Industrie ‎werden die Lieferketten neu sortiert. Das, was die BIHK-Veranstaltung in Brüssel ‎deutlich ‎machte, fasste DIHK-Präsident Eric Schweitzer am 25.06.2018 im Gespräch mit der ‎‎„Neuen ‎Osnabrücker Zeitung“ zusammen. Schweitzer sagte, schon 2017 sei das „UK-Geschäft“ ‎der ‎deutschen Firmen „relativ miserabel“ gewesen. Im laufenden Jahr seien ‎weitere ‎Geschäftseinbußen so gut wie sicher. Jedes zwölfte deutsche Unternehmen plane schon ‎heute ‎eine Verlagerung seiner Investitionen in Großbritannien auf andere Märkte. ‎Markus Ferber, Mitglied des Europäischen Parlaments, appellierte an die Wirtschaft, dass diese ‎nicht auf ‎den Ausgang der Verhandlungen um ein Austrittsabkommen ‎warten könne, sondern ‎sich bereits heute ‎auf das schlechtmöglichste Ergebnis vorbereiten müsse. ‎Nur dann wären die ‎Unternehmen bestens auf ‎alles vorbereitet, was kommen könnte.‎
 

Überprüfen Sie mittels der IHK-Checkliste „Are you ready for Brexit“, ob Ihr Unternehmen ‎ für den Brexit gerüstet ist. Die IHK München berät Sie dazu gerne. ‎

Weitere Informationen zum Brexit stellen wir Ihnen auch auf unserer Webseite IHK München - Brexit zur Verfügung. ‎