Afrikastrategie, Chancen für Unternehmer: Fragen an Bundesminister Müller

Afrikastrategie, Chancen für Unternehmer: Fragen an Bundesminister Müller

Nürnberg (22.10.2014) - Für das Afrikaportal Bayern stand Bundesminister Dr. Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Rede und Antwort:

 

Afrika-Portal: Das Entwicklungsministerium ist in dieses Jahr mit einer neuen Afrikastrategie gestartet. Darin war viel von Chancenkontinent und Aufbruch die Rede. Reißt die Ebola-Katastrophe Afrika jetzt in den Abgrund?
 
Müller: Die Ebola-Epidemie wird für die in Westafrika betroffenen Staaten weitreichende wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen nach sich ziehen. Deshalb hat sich auch mein Haus mit jetzt rund 60 Millionen Euro an der Lieferung von Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung beteiligt. Dabei arbeiten wir eng mit internationalen Organisationen zusammen, aber auch mit Caritas, Diakonie und Welthungerhilfe - um nur einige zu nennen. Neben der akuten Ebola-Bekämpfung geht es nämlich auch darum, die Folgen der Virus-Epidemie abzumildern.
 
Ebola führt uns alle vor Augen, dass uns die Sorgen und Probleme Afrikas nicht egal sein können. Spätestens mit dem Eintreffen der Erkrankten bei uns, sind schlechte Gesundheitssysteme, mangelnde Versorgung, Aussichtslosigkeit beim Eindämmen einer Krankheit mitten in Europa. Wir sind eine Welt- und wir sind alle für die Lösung der globalen Herausforderungen verantwortlich - dazu gehört entscheidend eine medizinische Grundversorgung. Das wird auch eine der Lehren dieser Katastrophe sein. Wir müssen uns noch mehr als bisher beim Aufbau von Gesundheitssystemen in Afrika engagieren. Der Virus lässt sich nämlich genau in den Ländern nicht stoppen, die keine angemessene medizinische Grundversorgung haben.
 
Welche Herausforderungen stehen dem afrikanischen Kontinent bevor?
 
Den Aufbau von Gesundheitssystemen habe ich gerade erwähnt. Dies ist schon deshalb eine große Aufgabe, weil sich die Bevölkerung Afrikas bis 2050 verdoppeln wird. Damit werden in Afrika die Zukunftsfragen der Menschheit entschieden: Armut, Hunger, Schutz des Klimas und der Schöpfung.
Wir wollen Afrika dabei unterstützen, diese Herausforderungen zu meistern. Afrika ist deshalb ein Schwerpunkt unserer Arbeit. 1,2 Milliarden Euro pro Jahr – die Hälfte unserer bilateralen Mittel – investieren wir dort. Diese Summe erhöhen wir noch einmal um 100 Millionen Euro.
Wichtigstes Ziel bleibt dabei der Kampf gegen den Hunger: Unser Nachbarkontinent kann sich selbst ernähren und unabhängig von Lebensmittelimporten werden. Hier können wir mit unserem Know-how dazu beitragen, die Erträge zu steigern und die gesamte Wertschöpfung – vom Acker bis zum Teller – in den Ländern selbst zu belassen. Wir setzen daher einen Schwerpunkt in der ländlichen Entwicklung. Wir werden zehn Grüne Zentren für nachhaltige landwirtschaftliche Wertschöpfung einrichten, die wir gemeinsam mit der deutschen Agrarwirtschaft aufbauen.
 
Außerdem ist Afrika ein junger Kontinent - der große Anteil Jugendlicher an der Bevölkerung bietet die Chance für eine wirtschaftliche „demographische Dividende“. Zugleich müssen wir über die Entwicklungszusammenarbeit dazu beitragen, dass sich diese vielen jungen Menschen in ihrer Heimat Perspektiven bieten. Bildung ist hier ein wichtiger Schlüssel. Daher sieht unsere Afrikastrategie auch vor, einen Fonds bei der Afrikanischen Union einzurichten, der für Bildungsprogramme speziell in fragilen Staaten Afrikas zur Verfügung steht.
 
Wie soll eine nachhaltige Entwicklung in den Krisenländern Afrikas aussehen und in welchen Ländern sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf?
 
Gerade sehen wir, wie flüchtig Entwicklungserfolge sind, wenn Katastrophen wie Ebola passieren. Länder wie Sierra Leone oder Liberia sind erneut um Jahre zurückgeworfen. Insgesamt gilt: Die größte Gefahr und das größte Hemmnis für Entwicklungserfolge sind Krisen und gewaltsam ausgetragene Konflikte. Oft zerstören sie innerhalb von wenigen Tagen die Erfolge von vielen Jahren mühsamer Aufbau- und Entwicklungsarbeit. Nach der Krise ist dann vor der Krise. Diese Kreisläufe gilt es zu durchbrechen, auch bei gewaltsamen Konflikten.
Deshalb sind Krisenprävention und Friedensarbeit ein wichtiger Schwerpunkt der Arbeit des BMZ in Afrika. Entwicklungspolitik ist nicht dazu da, die Scherben zusammenzukehren, wenn ein Konflikt nicht verhindert wurde. Mein Ansatz ist es, dass wir es gar nicht erst so weit kommen lassen.
Worin aber liegt die Ursache eines Konflikts? In den allermeisten Fällen liegt es an unfair verteilten Chancen . Oft werden Verteilungskämpfe zu vermeintlich religiösen oder ethnischen Konflikten umgedeutet oder aufgeladen – siehe Zentralafrikanische Republik. Deswegen ist es ein wesentliches Ziel unserer Arbeit, Chancen und Perspektiven zu schaffen – das gilt umso mehr für einen so jungen Kontinent wie Afrika. Wir unterstützen daher die Länder im Norden Afrikas auf ihrem schwierigen Weg zur Demokratie – und wollen zugleich dafür sorgen, dass südlich der Sahara nicht schiere Not die Menschen in die Flucht treibt.
 
In der neuen Afrikastrategie fallen u.a. Begriffe wie „Chancenkontinent“ und „Wachstumskontinent“. Wo sehen Sie als Entwicklungsminister die Chancen für bayerische Unternehmen?
 
Unter den Top 10 der am stärksten wachsenden Volkswirtschaften weltweit sind gleich sechs afrikanische Länder. Und in den 54 höchst unterschiedlichen Staaten Afrikas wächst das Selbstbewusstsein und der Wunsch, als Partner auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden.
Nehmen Sie zum Beispiel unsere Sonderinitiative „EineWelt ohne Hunger“ – deren Schwerpunkt auf Afrika liegt. Ziel ist es, die Ernteerträge in verschiedenen Ländern Afrikas zu steigern. Hier können sich deutsche Unternehmen einbringen, ihr Wissen, ihre Technik für moderne und zugleich nachhaltige landwirtschaftliche Produktion.
Gerade auch in Bayern haben wir viele Unternehmen, auch mittelständische, die in diesem Bereich große Expertise haben. Ich möchte darum Mut machen und an diese Unternehmen appellieren, sich auf unserem Nachbarkontinent zu engagieren und zu investieren.
Aber auch in Bereichen wie der Umwelttechnologie, Energieeffizenz und bei den erneuerbaren Energien bringen deutsche – auch bayerische – Firmen viel Wissen und Erfahrung mit, das in Afrika sehr gefragt ist. Die Chancen für deutsche Unternehmen sind also nicht überall gleich hoch. Aber die Wachstumschancen überwiegen. Viele Länder überzeugen bereits jetzt durch Stabilität und Wirtschaftswachstum.
 
Das BMZ bietet eine Reihe an Kooperationsmöglichkeiten und Förderinstrumenten für Unternehmen an. Welche Rolle spielt für Sie das wirtschaftliche Engagement von Unternehmen in Afrika und in anderen wirtschaftlich schwachen Regionen der Welt?
 
Engagieren sich Unternehmen nachhaltig in Entwicklungs- und Schwellenländern, schaffen sie Arbeitsplätze und Einkommensquellen für die Menschen vor Ort. Sie bringen ihr Wissen ein, zahlen Steuern und tragen so dazu bei, dass sich die Lebensumstände der Menschen verbessern. Darüber hinaus gelten gerade deutsche Unternehmen als Vorbild, weil sie hochwertige Produkte herstellen und dabei Wert auf hohe Sozial- und Umweltstandards legen.
Wenn Unternehmen und Entwicklungszusammenarbeit ihre Ressourcen und ihr Know-how bündeln, profitieren beide Seiten davon. Denn ohne Wirtschaft gibt es keine Entwicklung und ohne Entwicklung können auch Unternehmen nicht erfolgreich tätig sein. Deshalb unterstützt das mein Ministerium Unternehmen, die sich nachhaltig in Entwicklungs- und Schwellenländern engagieren.
Wir fördern Kooperationen zwischen Unternehmen und Organisationen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, sogenannte Entwicklungspartnerschaften, zum Beispiel im Rahmen des develoPPP.de-Programms (www.developpp.de).
 
Darüber hinaus unterstützen wir Unternehmen mit unseren langjährig bestehenden Kontakten und unserer Expertise in allen Regionen der Welt. Wir bieten Zugang zu Unternehmensnetzwerken rund um Wirtschaft und Nachhaltigkeit - wie etwa dem Deutschen Global Compact Netzwerk oder dem Runden Tisch zu nachhaltigem Palmöl.
 
Neben den wirtschaftlichen Chancen in den afrikanischen Märkten, stoßen Unternehmen auf große Herausforderungen wie z.B. die politische Instabilität, einen fehlenden rechtlichen Rahmen und eine oft unzureichende Infrastruktur. Welche Rolle wird Ihr Ministerium übernehmen, um die Bedingungen für bayerische Unternehmen vor Ort zu verbessern?
 
Wir wissen, wie wichtig politische Stabilität und ein Mindestmaß an juristischer Verlässlichkeit für Unternehmen und Investoren ist – das gilt in Afrika natürlich ebenso. In vielen unserer Partnerländer unterstützen wir Projekte, um gute Regierungsführung zu verankern. Dazu gehört zum Beispiel der Aufbau einer funktionierenden Steuer- und Finanzverwaltung.
Auch das deutsche duale Berufsbildungssystem ist so eine Art Exportschlager und gilt vielen Ländern als vorbildhaft. Wir fördern Bildung und Berufsbildung und sorgen so dafür, dass Unternehmen besser ausgebildete Arbeitskräfte zur Verfügung stehen.
Wir unterstützen außerdem die Aktivitäten von Staaten, Handel zu erleichtern. Aktivitäten deutscher Unternehmen können zudem über Hermes-Kredite abgesichert werden.
 
Herr Bundesminister, bayerische Unternehmen sind weltweit bekannt für innovative Lösungen und hochwertige Produkte. Investitionen in Entwicklungsländern schaffen Arbeitsplätze, Einkommen und Bildung. Was wünschen Sie sich von bayerischen Unternehmen, die sich entscheiden in Entwicklungsländern zu investieren?
 
Ich wünsche mir erst einmal, dass noch mehr bayerische Unternehmer das Potenzial erkennen, dass in einem Engagement in Afrika liegt. Von diesen Unternehmen erhoffe ich mir darüber hinaus den Mut, auch wirklich in die afrikanischen Märkte zu gehen und dies langfristig und mit einer guten Strategie zu tun. Mein Haus unternimmt alles, um diese Unternehmen so weit wie möglich zu unterstützen.
 
Und es gilt natürlich: Je mehr Arbeitsplätze und Wachstum vor Ort geschaffen werden, umso schneller kann sich Afrika entwickeln. Mit Blick auf die gerade wütende Ebola-Epidemie ist unser Engagement in Afrika noch dringlicher als zuvor. Dies gilt auch bei Aufbau von funktionierenden Gesundheitssystemen und medizinischer Versorgung. Der Transfer von Technologien und der einzigartigen Expertise bayerischer Unternehmen nach Afrika bietet hier also eine Chance für die Menschen vor Ort.

Die Fragen stellen Almuth Dörre, EZ-Scout in Bayern und Karoline Rübsam, Redaktion Afrika-Portal.