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Lateinamerika nutzt erneuerbare Energien noch wenig

Santiago de Chile (02.09.2015) Die wichtigste Stromquelle in Lateinamerika ist die Wasserkraft. Staudämme haben aber viele Gegner, während mancherorts der Strom knapp wird. Die reichlich vorhandenen erneuerbaren Energien kommen nun verstärkt zum Einsatz. Neben sinkenden Kosten hilft dabei auch staatliche Förderung. Bisher gibt es keine multi-, sondern nur bilaterale Projekte in der Region, doch Energieerzeugung wird zunehmend als länderübergreifende Aufgabe verstanden.

 

Etwa 65% des in Lateinamerika produzierten Stroms (über 725 Terrawattstunden) stammen aus Großwasserkraftwerken. Vielen Projekten liegen die reichen Niederschläge an den Hängen der Anden zugrunde. Aber auch in einem Land wie Costa Rica deckt die Wasserkraft gut zwei Drittel des Bedarfs - und Erdwärme, Wind, Biomasse und die Sonne praktisch den gesamten Rest.

Wasserkraftwerke stoßen dabei trotz der guten Klimabilanz auf zunehmende Kritik, weil Talsperren benötigt sind sowie Regenwald und anderes Land überflutet wird. Von Zwangsumsiedlungen ist oft die indigene Bevölkerung besonders betroffen. Außerdem wird Wasser in den meisten Staaten immer knapper, und das Risiko von Stromausfällen ist aufgrund schwankender Niederschlagsmengen hoch.

Andere Erneuerbare bisher kaum genutzt

Lediglich 6% des Stromverbrauchs wird aus erneuerbaren Energien (EE) jenseits der Großwasserkraft gedeckt. So kommen Solarenergieanlagen in der Region arg verspätet in Mode. In ganz Lateinamerika wurden 2013 lediglich 133 MW zugebaut, das waren schon 161% mehr als im Vorjahr. Im Jahr 2014 kamen 625 MW hinzu, für 2015 rechnen die Analysten von GTM Research mit rund 2.100 MW Zubau auf dann insgesamt knapp 3 GW. Vor allem große Freiflächen, von denen etwa 50 als Solarparks genutzt werden, gelten dabei als Wachstumsmarkt.

Umso schneller entwickeln sich die Erneuerbaren nun - um mehr als 270% erhöhte sich der EE-Anteil zwischen 2006 und 2013. Etwa 16 Mrd. US$ wurden 2013 in grüne Kraftwerke investiert. Einer Studie des World Wide Fund For Nature (WWF) zufolge könnten Ökokraftwerke bis 2050 etwa 20-mal mehr Strom zur Verfügung stellen, als in Lateinamerika bis dahin genutzt wird.

Wenn sich der Stromverbrauch in Lateinamerika und der Karibik wie prognostiziert um circa 3% jährlich erhöht, muss die installierte Leistung bis 2030 auf 600.000 MW verdoppelt werden. Allein dies könnte den Erneuerbaren einen Schub verleihen. Hilfreich ist, dass die EE-Erzeugungskosten in den letzten Jahren stark gesunken sind. Zudem fördern etliche Regierungen die Technologien zur Erzeugung von grünem Strom mittlerweile großzügig durch Förderprogramme und steuerliche Vorteile. Costa Rica, Chile und Mexiko gehören neben Brasilien und Uruguay zu den Ländern, die den Investoren die attraktivsten Rahmenbedingungen bieten, auch hinsichtlich rechtlicher Gewissheit.

Natur hat gute Voraussetzungen

Die Natur bietet beste Voraussetzungen. Im Andenhochland und an den Küsten blasen starke Winde, ganz Patagonien am Südzipfel des Kontinents ist geradezu berüchtigt dafür. In den Wüsten und bis weit jenseits des Äquators brennt die Sonne, die Erdwärme in einer Region voller Vulkane wird nicht ansatzweise ausgeschöpft. Plantagen für Ölpalmen, Bananen und Zuckerrohr sowie Reisfelder werfen erhebliche Mengen an Neben- und Abfallprodukten ab, die zur Herstellung von Biogas genutzt werden können - Biodiesel und Ethanol immerhin wird bereits in nennenswertem Umfang erzeugt.

Brasilien zählt weltweit zu den vier Staaten mit den meisten neuen Windparks. Die Erzeugungskapazität im Land verdoppelte sich allein 2014 auf 4.888 MW, und bis Ende 2015 sind weitere Windparks mit insgesamt 3.267 MW vorgesehen. Die Solarenergie gewinnt an Interesse spätestens seitdem der Pegelstand in den Wasserkraftwerken des Südostens stark gesunken und Energie knapp geworden ist. Normalerweise erzeugt Wasserkraft in dem Land bis zu vier Fünftel des Stroms. Die Regierung will im September 2015 die auslaufenden Konzessionen für 20 bestehende Kraftwerke neu versteigern. Die Gewinnung von Kraftstoffen und Gas aus biologischen Quellen kommt wieder besser in Schwung, nachdem Brasilien in den 70er Jahren mit viel Staatsgeld eine Ethanolindustrie aufgebaut hatte. So könnte der Bundesstaat Santa Catarina, größter Schweinefleischproduzent, seinen gesamten Gasbedarf aus Biomasse gewinnen.

In Mexiko waren 2012 gut 14 GW an EE-Kapazität installiert, wovon über 80% auf Wasserkraft basierten. Die 2015 beschlossene Energiereform steht im Zeichen des EE-Ausbaus. Die Wasserkraft soll dazu beitragen, bis 2024 das offizielle Ziel von 35% EE-Anteil an der Stromerzeugung zu erreichen. Auch der Windenergie, 2012 waren 1.330 MW installiert, misst die Regierung aufgrund der günstigen Voraussetzungen eine große Rolle bei. Bis 2018 sollen mehrere Gigawatt hinzukommen, vor allem durch private Investoren im Zuge von Selbstversorgungsprojekten. Windparks gibt es bisher vor allem an der Landenge von Tehuantepec im Südwesten. Photovoltaik spielt dagegen bisher eine nachgeordnete Rolle. In der Geothermie wird das Potenzial Mexikos auf 10,6 GW geschätzt

Ehrgeizige Ausbauziele verfolgt auch Chile, wo der EE-Anteil an der Stromproduktion bis 2025 rund 20% erreichen soll. Interessant sind für Investoren dort auch Energieprojekte auf der Basis von Geothermie und Meeresströmungen. Bisher tragen EE - ohne große Wasserkraftwerke - erst 9% zum Energiemix bei. Fossile Energieträger, hauptsächlich Kohle, haben ihren Anteil in den letzten Jahren auf 40% erhöht. Das liegt auch daran, dass das Stromnetz aus zwei unabhängig voneinander funktionierenden Verteilungssystemen besteht, was die flexible Einspeisung von Strom erschwert.

In Argentinien trägt die Windenergie nach der Wasserkraft am meisten zur Versorgung mit Ökonenergie bei. Sie ist die einzige EE-Quelle, von der in den letzten Jahren - etwas - mehr produziert wurde. Allerdings lag der EE-Anteil (ohne Wasserkraftwerke mit über 30 MW) 2013 bei lediglich 1,3%.

Ecuador strukturierte die gesamte Energiebranche grundlegend um. Bis 2020 sollen 86% des Stroms aus Wasserkraft und weitere 8% aus anderen erneuerbaren Energieträgern stammen. Geplant sind zwischen 2010 und 2016 Investitionen von insgesamt 7,5 Mrd. US$, davon allerdings allein 5 Mrd. US$ für den Bau von acht Großwasserkraftwerken mit zusammen 2.759 MW. EE inklusive kleiner Wasserkraftanlagen bis 30 MW sind wegen der Förderung durch einen Einspeisetarif für Investoren interessant. Die Regierung befreit zudem EE und neue Technologien von Einfuhrzöllen und Steuern. Für die Anschaffung und Finanzierung stehen günstige Kredite bereit. Als interessant gelten in dem Land Projekte im Bereich Waste-to-Energy, Wärmenutzung und Biogaserzeugung.

Kolumbien befreit den Verkauf von Strom aus Windenergie und Biomasse sowie den Import von Anlagen und Komponenten für erneuerbare Energien von der Mehrwertsteuer. Bisher spielen EE keine große Rolle. In der Windkraft ist trotz guter natürlicher Voraussetzungen bislang nur ein Pilotprojekt in Betrieb; zwei Biomassekraftwerke sind in Planung, um biologische Abfälle zu verwenden.

Nur wenige länderübergreifende Projekte

Lateinamerika als Energieexporteur könnte die energiepolitische Integration durch einen gemeinsamen rechtlichen Rahmen auf ein völlig anderes Niveau bringen. Dies allerdings ist allenfalls ein Zukunftsprojekt, denn bisher wachsen die Strommärkte nicht zusammen.

Multilaterale Vorhaben sind noch rar: Kolumbien und Ecuador wollen ein Geothermiekraftwerk in der Grenzregion errichten. Bolivien und Costa Rica arbeiten zusammen, um in der Nähe von Vulkanen aus Erdwärme Strom zu produzieren. Brasilien kooperiert mit seinen drei südlichen Nachbarländern in bilateralen Projekten: mit Argentinien (Wärmekraftwerk in Uruguaiana), Paraguay (Wasserkraftwerk Itaipú) und Uruguay (Stromverbindung). Dem Land kommt eine besondere Rolle in der Region zu - mit dem weltweit größten integrierten Übertragungsnetz und dem drittgrößten Anteil erneuerbarer Quellen.

Ansprechpartner: Anne Litzbarski amerika@gtai.de

 

(Quelle: gtai)