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Brasiliens Aufstieg in der Bioökonomie

São Paulo (20.07.2015) Neue Gesetze und staatliche Finanzierung beleben in Brasilien die Entwicklung und Nutzung von Biotechnologie. Besonders gefördert wird die Produktion von Biosimilars (Biogenerika) und Biokraftstoffen. Die brasilianische Bürokratie erfordert allerdings viel Expertise. Beim Markteinstieg entscheiden sich daher viele multinationale Biotech-Unternehmen für Partnerschaften.

 

Brasilien - das mit 8,5 Mio. qkm fünftgrößte Land der Welt - ist für seine biologische Vielfalt bekannt. Nicht nur der Regenwald im Amazonas, sondern auch die Pantanal-Feuchtebene, der atlantische Regenwald, die Cerrado-Savanne und andere einzigartige Ökosysteme bergen einen immensen Reichtum an Mikroorganismen sowie Tier- und Pflanzenarten. Schätzungen zufolge beheimatet Brasilien etwa ein Fünftel der globalen Biodiversität.

Mit dem "Marco da Biodiversidade" verabschiedete die brasilianische Regierung im Mai 2015 ein neues Gesetz zur Erforschung und kommerziellen Nutzung von Naturressourcen (Gesetznummer 7.735/2014). Rechtssicherheit und Bürokratieabbau sollen die Entwicklung neuer Produkte vorantreiben. Besonders interessante Möglichkeiten eröffnen sich für Hersteller von Pharmazeutika, Kosmetika und Lebensmitteln. Infolge der neuen Rechtslage erwartet der Verband Farmabrasil bis Ende 2016 Investitionen von nahezu 100 Mio. Euro in die Forschung und Entwicklung (F&E) für neue Arzneimittel auf pflanzlicher Basis.

Biotechnologie zur möglichst effizienten und nachhaltigen Nutzung des immensen Potenzials wird zunehmend im Land selbst entwickelt. Die Schaffung rechtlicher Rahmenbedingungen, staatliche Förderung, Kooperationen mit ausländischen Biotech-Unternehmen sowie die Nachfrage großer Konzerne sorgen für das Wachstum des brasilianischen Biotech-Sektors.

Zwei Drittel der etwa 300 Unternehmen wurden nach der Jahrtausendwende gegründet, ein Drittel innerhalb der vergangenen fünf Jahre. Die dynamische Branche setzt sich zum Großteil aus kleinen Unternehmen zusammen. Etwa die Hälfte beschäftigt nur bis zu 10 Mitarbeiter. Die regionale Verteilung konzentriert sich auf die Bundesstaaten São Paulo und Minas Gerais. In den Staaten Rio de Janeiro, Rio Grande do Sul und Paraná sind nur relativ wenige Biotech-Firmen angesiedelt.

Gut ausgebaute Förderung

Aufgrund der geringen Verfügbarkeit privaten Risikokapitals wird F&E in mehr als 80% der Unternehmen zum Teil oder sogar vollständig über Programme staatlicher Förderung finanziert. Dabei handelt es sich einerseits um Venture-Capital-Fonds staatlicher Institutionen, darunter der Nationalrat für wissenschaftliche und technologische Entwicklung CNPq, die Forschungsstiftung FINEP und bundesstaatliche Förderstiftungen wie FAPESP in São Paulo. Andererseits nutzen die Branchenfirmen zinsgünstige Darlehen, die durch FINEP und die staatliche Entwicklungsbank BNDES vergeben werden. Darüber hinaus gelten Steuererleichterungen für Investitionen in Innovation.

Die Pharmaindustrie wird besonders gefördert. Zur Eindämmung des hohen Handelsdefizits treibt die Regierung die inländische Produktion über die Bevorzugung beim Medikamentenkauf des öffentlichen Gesundheitswesens SUS und über mittlerweile mehr als 100 öffentlich-private Produktionspartnerschaften (PDP) voran. Bisher beschränkte sich die medizinische Biotechnologie Brasiliens auf die Bereiche Molekulardiagnostik, biotechnologische Gewebe, Zelltherapie, vorklinische und klinische Tests.

Einstieg über Kooperationen

Bionovis, ein brasilianisches Joint Venture von Aché, EMS, Hypermarcas und União Química, kündigte Anfang April 2015 eine Großinvestition für die Errichtung eines Forschungslabors, einer Produktionsanlage und eines Verteilungszentrums an. In Valinhos (Bundeststaat São Paulo) wird Bionovis erstmals in Brasilien komplexe, hochmolekulare biologische Wirkstoffe zur Behandlung von Autoimmun-, Entzündungs- und neurodegenerativen Erkrankungen sowie von verschiedenen Krebserkrankungen herstellen.

Neben Bionovis investieren Orygen Biotechnologia (ein Joint Venture von Biolab und Eurofarma) sowie Libbs, Cristália und weitere Pharmaunternehmen in die Produktion von Biosimilars. Die brasilianischen Hersteller bauen auf Technologietransfer und Partnerschaften mit multinationalen Konzernen. Vertragspartner von Bionovis ist Merck Serono. Orygen kooperiert mit Pfizer. Auch öffentliche Forschungsinstitute wie Fiocruz, Butantan und Vital Brasil (IVB) investieren verstärkt und erweitern im Rahmen von PDP die Kapazitäten für Biosimilars.

Agrobusiness als Treiber der Bioökonomie

Nach den USA verfügt Brasilien seit 2009 über die zweitgrößte Anbaufläche von gentechnisch veränderten Pflanzen (GV-Pflanzen). Im Erntejahr 2014/2015 wurde der Anbau von GV-Pflanzen um 4,0% auf eine Gesamtfläche von 42,2 Mio. ha erweitert. Es handelt sich bei 29,1 Mio. ha um Soja und bei 12,5 Mio. ha um Mais. Trotz der Dominanz der US-Großkonzerne Monsanto und Dupont konzentrieren sich einige Unternehmen in São Paulo auf die Entwicklung von GV-Pflanzen. Ein weiterer bedeutender Forschungsbereich sind Bioinsektizide.

Im Zentrum der grünen Biotechnologie Brasiliens steht das weltweit anerkannte Agrarforschungsinstitut Embrapa. Embrapa entwickelte in Zusammenarbeit mit BASF Plant Science die herbizidresistente Sojabohnensorte Cultivance, die erstmals im Erntejahr 2015/2016 kommerziell angebaut werden soll. BASF Plant Science kündigte 2014 weitere Investitionen in Brasilien an.

In der Forstwirtschaft setzt der Zellstoffkonzern Suzano auf grüne Biotechnologie. Nach Freigabe durch die technische Kommission für Biosicherheit CNTBio im April 2015 wird Suzano als erster Zellstoffproduzent weltweit GV-Eukalypten anpflanzen. Darüber hinaus investiert Suzano auch in industrielle Biotechnologie zur Nutzung von Biomasse.

Im Bereich Tiergesundheit hat Biotechnologie unter anderem über die In-Vitro-Produktion von Rinderembryonen zur bedeutenden Rolle Brasiliens als Fleischexporteur beigetragen. Im Februar 2015 kündigte ABS Global, der weltweit größte Hersteller von Rindererbgut, die Übernahme des größten Produzenten von Rinderembyonen In Vitro Brasil an.

Brasilien weltweit Nummer 2 bei Bioethanol

Brasilien ist nach den USA der zweitgrößte Produzent von Bioethanol. BNDES und FINEP stellten unter anderem über den 2010 geschaffenen Innovationsförderplan PAIIS hohe Finanzmittel für die Erzeugung von Bioethanol der zweiten Generation (E2G) bereit.

In der ersten Euphorie erstellten GranBio und Raizén, zwei Joint Venture von Cosan und Shell, ehrgeizige Investitionspläne. 2014 nahmen GranBio im September und Raizén im November den Betrieb der jeweils ersten Anlage auf. Sowohl externe Faktoren wie der Ölpreisverfall, als auch interne Probleme wie höhere Baukosten dämpften die Begeisterung. Bislang konkretisierten weder GranBio noch Raizén Pläne für den Bau einer jeweils zweiten Anlage. Zudem wird erwartet, dass sich der Erdölkonzern Petrobras aus der Biokraftstoffgewinnung zurückziehen wird.

Das Zentrum für Bioethanolforschung CTBE geht davon aus, dass ab 2021 die Wirtschaftlichkeit von E2G gegeben sein wird. Trotz der gemäßigten Erwartungen legte der spanische Konzern Abengoa Bioenergia Agroindústria Anfang 2015 den Grundstein für den Bau einer E2G-Anlage, die im Erntejahr 2016/2017 in Betrieb gehen soll.

Die industrielle Nutzung von Biotechnologie hat sich laut Angaben des neugegründeten Branchenverbandes ABBI im Zuge der ersten Investitionswelle gut entwickelt. Dies gilt nicht nur für E2G, sondern auch für andere Biokraftstoffe und Bioöle. Ein wichtiger Grund dafür ist das Engagement der US-amerikanischen Amyris und Solazyme. Das Interesse multinationaler Konzerne an der Nutzung von Biomasse in Brasilien ist weiterhin hoch. Der belgische Konzern Solvay eröffnete Anfang Juni 2015 in Paulínia (São Paulo) sein erstes ausschließlich auf industrielle Biotechnologie ausgerichtetes Labor.

Gloria Rose

amerika@gtai.de


(Quelle: GTAI)