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Äthiopien lockt erfolgreich Investoren an

Addis-Abeba (6.6.2015) - Die Investitionsbedingungen in Äthiopien lassen - nüchtern betrachtet - zu wünschen übrig. Die Infrastruktur ist unzureichend, bürokratische Prozesse sind zäh, das Rechtssystem ist nicht ausreichend entwickelt. Dennoch strömen internationale Firmen nach Äthiopien. Es locken niedrige Produktionskosten und das Vertrauen darauf, dass die größten infrastrukturellen Defizite in absehbarer Zeit beseitigt werden. Für deutsche Firmen ist Äthiopien bislang keine Investitionsdestination.

"Äthiopien ist wie China vor 30 Jahren", sagt Zhang Huarong, Vorsitzender der Huajian International Group, die in Äthiopien eine 2,2 Milliarden US-Dollar teure Produktionsstätte für Schuhe und Lederwaren aufbauen will. "Es gibt jede Menge günstige Arbeitskräfte und vor allem auch die benötigten Rohstoffe.  "Wir werden in den nächsten Jahren 100.000 Jobs in Äthiopien schaffen", verspricht er. Innerhalb Chinas sei es schwierig geworden, die Produktion schnell auszuweiten.

Äthiopien lässt Kenia und Tansania hinter sich

Zhang ist mit seiner Ansicht nicht alleine. Bereits 82 chinesische Unternehmen seien in Äthiopien aktiv und wollen insgesamt fast 500 Projekte stemmen, berichtet die äthiopische Presse. Mehrheitlich kommen sie aus dem Textil-, Bekleidungs- und Ledersektor, zum Teil auch aus der Fertigung, wie die Tecno-Gruppe, die in Äthiopien Handys zusammenbauen will. Huajian ist das bislang mit Abstand größte Vorhaben, aber auch die 500-Millionen-US-Dollar-Textilfabrik der chinesischen Jiangsu Lianfa Textile Co. Ltd. hat eine Größenordnung, von der die Nachbarländer Äthiopiens nur träumen können. Das Unternehmen hatte zuvor auch die Investitionsbedingungen in Kenia, Uganda und Tansania untersucht und sich dann klar für Äthiopien ausgesprochen. Die entscheidenden Gründe seien die günstigen Arbeitskräfte und der billige Strom gewesen, sagt der äthiopische Staatspräsident Mulatu Teshome, sowie das im Überfluss verfügbare Bauland. Hinzu kämen verschiedene Quoten- und Zollbefreiungen für Absatzmärkte in den USA und der EU. Solche Befreiungen gibt es für alle afrikanischen Länder).

Agrarsektor könnte dem Beispiel der Textil- und Bekleidungsindustrie folgen

Die Chinesen mögen die größten Industrieprojekte haben, die größte Gesamtinvestition kommt aus der Türkei. Rund drei Milliarden US-Dollar türkisches Kapital sei bereits in Äthiopien, sagte der türkische Botschafter in Addis Abeba jüngst der äthiopischen Presse. (Nach Ansicht von Beobachtern dürfte es sich eher um Pläne in dieser Größenordnung handeln.) Wie den Chinesen geht es den Türken vornehmlich um die Produktion von Textilien und Bekleidung sowie die Fertigung von Konsumgütern. So plant die türkische Kumtel Industrial Plc den Bau einer umgerechnet rund 400 Millionen Dollar teuren Montagefabrik für Haushaltsgeräte.

Während der Aufbau einer Textil- und Bekleidungsindustrie für Exportzwecke bislang besonders erfolgreich ist, ist die Prioritätenliste der äthiopischen Regierung länger: So sollen ausländische Investoren billiges Land für Agrarvorhaben bekommen, um dort Nahrungsmittel für den Export anzubauen. Die Regierung will so die Landwirtschaft kommerzialisieren, Arbeitsplätze schaffen und Devisen verdienen. In einer zweiten Phase sollen dann auch verstärkt Lebensmittel im Land verarbeitet werden. Das Konzept zielt zweifellos in die richtige Richtung, hat bislang aber enttäuscht - zumindest im Vergleich zu den hochgeschraubten Erwartungen. Nach Ansicht von Beobachtern haben sowohl die äthiopische Regierung als auch potenzielle Investoren die Komplexität des Unterfangens unterschätzt. So wurden Bodenbeschaffenheit, Regen- und Trockenperioden sowie die infrastrukturellen Herausforderungen zum Teil nicht ausreichend untersucht. Dem Vernehmen nach kommt es ferner zu Zwangsumsiedlungen und den damit verbundenen Konflikten.

Mehr Zeit und Geld braucht auch der äthiopische Bergbausektor, bis er sein Potenzial voll entfalten kann. Es fehlt noch an Prospektionen und an Infrastrukturen, erste Ansätze aber sind vielversprechend. Der andere große Sektor mit Potenzial ist der Infrastrukturbereich, in dem bislang der Staat alleine agiert hat, infolge Geldmangels aber nunmehr private Investoren zum Zuge kommen lassen will. Ehrgeizigstes Vorhaben ist in diesem Zusammenhang das Corbetti Geothermal Plant Project, das vier Milliarden Dollar kosten soll. Promoter ist die US/isländische Reykjavik Goethermal.

Äthiopien, ein Markt mit 100 Millionen Menschen

Während das große Interesse ausländischer Investoren einer Exportproduktion gilt - auch Strom soll zum großen Teil exportiert werden - gibt es erste Unternehmen, welche auch die äthiopische Bevölkerung von bald 100 Millionen Menschen im Visier haben. So investiert Heineken 127 Millionen Dollar in eine Brauerei, die französische Castel produziert 1,2 Millionen Flaschen Wein im Jahr und Unilever will erst Seife und dann Lebensmittel herstellen. Indien hat sich in einen lokalen Chemiehersteller eingekauft, die israelische AnyWay plant den Bau einer Fabrik für Zementadditive, die VAE-Falcon Chemicals ist mit Bauchemikalien dabei und die italienische Lucernini will vor Ort Baukräne zusammenschweißen. GlaxoSmithCline plant den Bau einer Pharmafabrik, General Electrics will vor Ort Medizintechnik zusammenschrauben. Die südafrikanische Wilderness Safari möchte derweil mit Luxus-Lodges für all die in Äthiopien gut verdienenden Ausländer sowie Touristen punkten.

Bemerkenswert ist, dass es all diese Projekte gibt, obwohl Äthiopien in den einschlägigen internationalen Ranglisten eher schlechte Plätze bekleidet. Im letzten Global Competitiveness Index des World Economic Forum (WEF) für 2014/15 verharrt Äthiopien auf dem 118. Platz (von 144 bewerteten Ländern; Vorjahr: Rang 117). Das WEF kritisiert einen unzureichenden Eigentumsschutz, Korruptionsprobleme und eine ineffiziente Verwaltung. Die nationalen Gütermärkte werden ebenfalls als ineffizient bezeichnet, die höhere Ausbildung sei, abgesehen von den Spitzenuniversitäten, schlecht und die Bereitschaft zu zeitgemäßer Technik (technological readiness) sehr gering.

Im "2014 Index of Economic Freedom" der World Heritage Foundation bekleidet Äthiopien den 151. von 178 Rängen und den letzten in der Gruppe der "weitgehend unfreien Länder". Der Bericht kritisiert neben den bereits erwähnten Punkten, dass hohe Subventionen für staatliche Projekte das Wachstum eines Privatsektors behindern und in verschiedenen Sektoren private Investitionen beschränkt sind. Private Banken werden gezwungen, staatliche Schuldverschreibungen zu kaufen; Ausländer dürfen sich am Bankensektor nicht beteiligen.

Schlechter Platz im Doing-Business-Ranking

Im neuen Doing-Business-Ranking 2015 der Weltbank macht Äthiopien mit Rang 132 auch keine gute Figur (189 bewertete Länder). Und im letzten Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International liegt Äthiopien auf Platz 110 von 175 untersuchten Ländern. Botsuana (Platz 31) und Ruanda (Platz 55) zeigen, dass in Afrika auch bessere Rankings möglich sind.

Im "Fragile States Index 2014" vom "Fund for Peace" rangiert Äthiopien zusammen mit Kenia in der "Warn-Zone" (alert). Im "2014 World Press Freedom Index" liegt Äthiopien auf dem 143. Platz (von 180). Dass es auch anders geht, zeigt in der Region Tansania (Platz 69).

Das große Interesse ausländischer Investoren und die schlechten Noten für die Rahmenbedingungen müssen derweil kein Widerspruch sein. Wer trotz schlechter Rahmenbedingungen investiert, tut dies, weil er ein höheres Länderrisiko einpreist. Im Klartext: Wenn satte Gewinne winken, ist die Risikobereitschaft höher. Viele Investoren glauben zudem an den Fortschritt. So bleibt der äthiopischen Regierung nach Einschätzung von Beobachtern wie der britischen Economist Intelligence Unit (EIU) gar nichts anderes übrig, als mehr marktwirtschaftliche Politiken zuzulassen. Der Grund: Es fehlt an Geld für das eigene Entwicklungsprogramm. Diese Lücke können nur ausländische Investoren füllen.

Deutsches Engagement bislang gering

Das Interesse deutscher Investoren an Äthiopien erscheint bislang vergleichsweise gering. Der Hauptgrund für die bislang geringe Investitionstätigkeit dürfte die deutsche Produktionsstruktur sein: Deutsche Textilunternehmen beispielsweise lassen im Ausland fertigen, investieren aber nicht selbst. Große, international aufgestellte Konsumgüterhersteller wie Heineken oder Unilever hat Deutschland nicht und für die typisch deutsche, hochspezialisierte Technikproduktion des Mittelstandes ist Äthiopiens Absatzmarkt viel zu klein - vom Mangel an Facharbeitern einmal abgesehen. Anders sieht die Lage für Dienstleister zum Beispiel im Transportgewerbe aus. So ist deutsche DHL bereits vor Ort und will dem Vernehmen nach weiter expandieren.

(Quelle: GTAI)